Streit ja, Kulturkampf nein
geschrieben von Johannes Kretschmann am 22/04/2009
Man verdirbt einen werdenden Menschen, einen Jüngling, am sichersten, wenn man ihn anleitet, den Gleichdenkenden höher zu ehren, als den Andersdenkenden. (Friedrich Nietzsche, Morgenröthe – Gedanken über die moralischen Vorurtheile)
Weltanschaulich ist Berlin die Stadt der Freiheit, sie muß nicht qua Volksentscheid dazu gemacht werden. Am kommenden Sonntag steht keineswegs die Freiheit auf dem Spiel, wie Günther Jauch von den Plakaten droht, sondern der gemeinsame und verbindliche Platz für Wertediskussionen, wie ihn das Fach Ethik unter den besonderen Bedingungen in Berlin bieten kann.
Noch weniger als anderswo in Deutschland mag es hier einer bestimmten Bekenntnisgruppe zustehen, in Normdebatten den Ton angeben zu wollen oder ein größeres Gewicht in der schulischen Erziehung einzufordern. Das Land Berlin finanziert mit beachtlichen 47 Mio. Euro Steuergeldern fast komplett den freiwilligen Religions- bzw. Weltanschauungsunterricht, der entsprechend der Berliner Zahlenverhältnisse (s. amtliche Infobroschüre) auch besucht wird. Von einer Unterprivilegierung oder gar Zurückdrängung des Religionsunterrichts kann also wahrlich nicht die Rede sein, wenn eine konfessionslose Mehrheit verschiedenen religiösen Minderheiten freimütig die Türen zu den Klassenzimmern öffnet und verläßlich offen hält. Der ProReli-Lobby genügt das offenbar nicht, sie möchte den Religionsunterricht dem Status nach aufgewertet wissen auf Kosten des gemeinsamen Ethikunterrichts. Warum? Warum gerade anstelle von Ethik und nicht etwa zu Lasten des viel wertblinderen Mathematikunterrichts? Warum wenden sich mehrere religiöse, auch christliche Verbände (s. www.proethik.info) explizit gegen den Gesetzentwurf, obwohl er eine Statuserhöhung des eigenen Fachs zur Folge hätte?
Das Unseriöse der ProReli-Kampagne ist nicht, daß sie über ihre Verhältnisse nach mehr institutionalisiertem Einfluß für ihre Träger verlangt. Es ist schließlich dynamischer Bestandteil des gesellschaftlichen und politischen Wettbewerbs, Partikularinteressen als Universalinteressen auszugeben. Unseriös wird sie erst dadurch, daß sie ihre eigentlichen Motive nicht öffentlich nennt, sondern mit Zauberwörtern wie Freiheit verschleiert und damit Reden fast komplett durch Einreden ersetzt hat: „Ja zu ganzheitlicher Bildung. Ja zu Weltoffenheit. Ja zu Toleranz. Ja zur freien Wahl zwischen Religion und Ethik (s. Infobroschüre).“
Ganzheitliche Bildung? CDU und FDP, Unterstützer der Kampagne, vermeiden zur Selbstbezeichnung das Etikett rechts und verleihen sich stattdessen selbst gerne das Prädikat bürgerlich. Es kann nun kaum einen schlimmeren Verstoß gegen den bürgerlichen Bildungskanon geben, als Schüler vom Kennenlernen antiker heidnischer Philosophie und Ethik abzuhalten. Wer beim hohen Anspruch ganzheitlicher Bildung in der Schule die Abwahl von Sokrates, Platon und Aristoteles ermöglichen will, der hat die Vermittlung der Ideale und Tugenden des Bürgertums längst aufgegeben. Die Beschwörung vom abendländischen Wertekanon dient dann nur noch dazu, Anders- und Nichtgläubigen eine sittliche Haltung generell abzusprechen.
Weltoffenheit? Es sind bestimmte kirchliche und politische Kreise, die mit der ProReli-Kampagne den Versuch proben, einen tatsächlichen oder gefühlten internen Autoritätsverlust durch mehr Einfluß nach außen zu kompensieren. Es zeugt gerade nicht von Weltoffenheit, wenn auf alle anderen Bundesländer verwiesen wird, in denen Ethik kein Pflichtfach ist. In allen anderen Bundesländern liegen auch die Verhältnisse anders, doch überall gilt das gute föderalistische Gesetz, daß Bildung eben Ländersache ist. Berlin will sonst auch nicht mit München verwechselt werden, warum also ausgerechnet in diesem Punkt der höchsten Vielfalt? Der Neid auf die traditionellen Besitzstände anderer Bundesländer kann im besten Fall kleinkariert genannt werden.
Toleranz? Toleranz ist die letzte Stufe vor der Ablehnung. Es ist bezeichnend, daß im Broschürentext des ProReli-Vereins immer Toleranz steht, wo Akzeptanz stehen müßte. Einige Vertreter konfessionell konstituierter Minderheiten akzeptieren nicht nur nicht, daß sie in Berlin nicht in der Mehrheit sind, sie wollen dem Wähler auch zwischen den Zeilen weismachen, daß ein konfessionell bedingter Standpunkt Toleranz überhaupt erst ermöglicht. In die erste Reihe drängeln sich hier Anhänger einer Religion, die in weiten Teilen weder akzeptiert noch toleriert, sondern missioniert. Es mag manchen Würdenträgern inakzeptabel und intolerabel erscheinen, daß ausgerechnet die Bundeshauptstadt mehrheitlich von Ungetauften, Ungläubigen, Unerlösten bevölkert wird. Daß man Heiden auch anders begegnen kann, zeigen z.B. Christen pro Ethik in ihrer mutigen Stellungnahme für eine Verständigung auf Augenhöhe im gemeinsamen Ethikunterricht.
Egal, wie der Volksentscheid ausgeht, solange in der Schule Bildung nicht gänzlich durch Ausbildung ersetzt wird, bleibt Ethik unabwählbar. Der ehemalige Torwart beim Fußballverein Racing Universitaire d’Algier und spätere Literaturnobelpreisträger Albert Camus soll gesagt haben: „Alles, was ich von Ethik und Verantwortung weiß, habe ich beim Fußball gelernt.“ Ein guter verpflichtender Ethikunterricht erzieht nicht zu mehr Tugendhaftigkeit als ein guter Sportunterricht, aber er kann eine Fähigkeit befördern, die gerade auch im grünen Wertebewußtsein immer lebendig gehalten werden sollte: die Fähigkeit, Streit zu kultivieren. Nirgends ist die Gelegenheit dazu so günstig wie an den Berliner Schulen, wo Pluralismus gelernt und gelebt wird, wenn für die richtigen Rahmenbedingungen gesorgt ist. Demokratische Bildung und demokratische Werte wie Religions- und Glaubensfreiheit bedingen sich wechselseitig. Ein wissenschaftlich und pädagogisch kompetenter Ethiklehrer bringt Religions- und Glaubensinhalte genauso in den Unterricht mit ein, wie er religiöse und nichtreligiöse Schüler ermutigt, sich mit den eigenen geistigen Standpunkten und denen der Mitschüler im Unterricht auseinanderzusetzen. Faszination ist die Ernte der Unvoreingenommenheit.
Bitte gebt also dem gemeinsamen Ethikunterricht auch weiterhin eine Chance und stimmt am 26. April im 2. Berliner Volksentscheid mit NEIN!
